Das erste Jahr
2006
Ein Schrei von deinem Papa lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Die Küchentür geht auf, Pfarrer Wagenführ und ein Polizeibeamter treten ein. Es fällt ihnen sichtlich schwer, Worte zu finden. Wortfetzen drängen sich in meine Ohren, die ich gar nicht hören will. Ich sacke zusammen, mein Blut zieht sich in meinen Körper zurück.
Wir sitzen nebeneinander - dein Papa und ich - unfähig, zu sprechen, unfähig, zu glauben, was wir gerade erfahren haben, sind fassungslos und gelähmt.
Ich stehe unter Schock, mein Sohn, mein Daniel, ich fühle mich abgeschnitten von mir selbst, spüre mich nicht mehr, mein Herz weigert sich anzunehmen, was mein Kopf ihm sagt. Du kannst nicht tot sein. Du wirst zurückkehren, alles ist nur ein Traum, böse und fürchterlich!
Es gibt im deutschen Sprachgebrauch kein einziges Wort, das diesen Gefühlszustand auch nur annähernd beschreiben kann.
Ich nehme meine Umgebung nicht mehr wahr. Mein Herz tut mir so weh. Wer soll Marko benachrichtigen, ihm sagen, dass sein einziger, geliebter Bruder nicht mehr lebt? Wer soll Oma und Opa eine solche Nachricht überbringen? Unser Pfarrer hat sich um alles gekümmert. Was hätten wir ohne ihn gemacht?
Wie in Trance nehme ich dann doch den Telefonhörer zur Hand: Meine Freundin Birgit ist die Erste, der ich sagen kann, dass Daniel einen schweren Unfall hatte.
Es folgen Fragen über Fragen:
Wo ist mein Daniel, wann dürfen wir zu ihm?
Hat er gelitten, war jemand bei ihm, als er von dieser Welt gegangen ist?
Warum hat man uns erst so spät benachrichtigt? Wir sind doch seine Eltern.
Wann kommt endlich Marko nach Hause?
Wir dürfen nicht zu Daniel, zu unserem Kind. Warum dürfen wir nicht zu ihm? Ich möchte meinen Jungen so gern anfassen, streicheln, ihn in den Arm nehmen. Es wird uns verweigert, warum, wissen wir bis heute nicht.
In meinen Augen ist so etwas abartig und unmenschlich!!!!!!!
Ich bin von Tabletten betäubt und nehme die Menschen, die uns Ihre Fassungslosigkeit und Anteilnahme zum Ausdruck bringen wollen, nicht mehr wahr.
Am späten Abend bemerke ich, dass ich immer noch einen knallroten Pullover trage. Oh, mein Gott, was bin ich nur für eine Mutter?
Ich gehe in Daniel sein Zimmer. Es sieht dort aus, als käme er jeden Moment nach Hause. Sein Duft schwebt noch im Raum. Ich setze mich auf sein Bett , nehme sein kleines Kissen und weine meine letzten Tränen ganz bitterlich hinein. Was habe ich diesen Jungen geliebt!
Da erscheint mir vor meinem inneren Auge sein lächelndes Gesicht: "Mutti, weine doch nicht so, mir geht es gut." Ach wenn es doch nur so wäre.
Ich will zu Daniel, ich will nicht mehr leben!
Wir liegen im Bett, Stunde um Stunde, halten uns ganz fest im Arm, lassen die Nacht verstreichen. Nie wieder würde eine Nacht so sein. Ich werde mir der Tragweite bewusster. Durch meinen Kopf rasen Gedanken. Es gibt keinen Halt, es gibt nichts, woran ich mich klammern kann. Es gibt keinen Trost.
Daniel war nicht krank, war lebenslustig und voller Energie. Wenn er morgens aufstand, dann lächelte er, sagte: "Guten Morgen ." und das meinte er auch so. Worin sollte der Sinn seines Todes sein?
Wo war Gott, als Daniel, sein treuer Diener, ihn brauchte? Warum lässt ein liebender Gott zu, dass ein liebenswerter junger Mann, dem Werte noch etwas bedeuteten, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte, auf eine so tragische Art und Weise ums Leben kam? Mein bis dahin starker Glaube beginnt zu bröckeln.
DER ERSTE TAG VOM REST MEINES LEBENS
Ich hieve meinen zerschundenen Körper und Geist aus dem Bett.
Auch unser Marko hat nicht geschlafen. Ich habe gehört, dass er die ganze Nacht geweint hat. Die Beiden waren immer ein Herz und eine Seele. Es gab auch mal Zank, aber nie ernsthaft. Still und heimlich sucht Marko für Daniel angemessene Kleidung aus dem Schrank. Die DRIVER Jeans hat Dani so geliebt. Was Marko leistet ist der Wahnsinn. Er macht es für uns, weil er weiß, dass wir nicht dazu in der Lage sind. Woher nimmt derJunge nur die Kraft?
Bin ich überhaupt noch Mutter? Ich habe meinen Marko, auch mein Kind, in Leid und Abschied nicht zur Seite stehen können. Ich habe keine Kraft. Der Schmerz ist zu groß, als dass ich die Last der Anderen mittragen könnte.
VOR DER BEISETZUNG:
Nach sechs unendlich langen Tagen und Nächten dürfen wir unseren Jungen sehen. Endlich kommst du zurück, mein toter Junge kommt nach Hause. Angst packt mich. Werde ich das schaffen? Doch die Sehnsucht nach meinem Kind lässt mich alles ertragen.
***
Daniel, du liegst in deinem Sarg, ganz friedlich, ein wunderschöner junger Mann. Nichts deutet auf einen schweren Unfall. Deine zarten, gepflegten Hände sind zum Gebet gefaltet und Johanna legt ihr Kettchen darüber.
Ich küsse dich ein letztes Mal und streichle ganz sanft dein Gesicht. Um mich herum nehme ich nichts mehr wahr - nur du und ich - Mutti und Dani - wir beide - ganz allein - vereint für immer und ewig!
Es ist ein Augenblick, unbeschreibbar - für Eltern wohl der schlimmste Albtraum. Bis an mein Lebensende werde ich diesen Anblick nicht vergessen. Das Bild brennt sich ganz fest in meinem Kopf ein.
***
AN MARIA
MARIA ICH LIEBE DEIN LÄCHELN SEIT ICH MEINEN SOHN VERLOR.
DEN ICH IN DEN ARMEN HIELT, WIE DU DEN DEINEN,
IHN SCHÜTZEND VOR DEN GEFAHREN DER WELT.
WAS FÜHLTEST DU, ALS DEIN SOHN DIESEN ARMEN ENTWUCHS?
ALS ER DICH AUF DEINEN PLATZ VERWIES, UM DEN SEINEN EINZUNEHMEN?
WAS FÜHLTEST DU, ALS DER TOD SICH IHM NÄHERTE?
DEIN SOHN STARB FÜR DIE WELT, MEINER STARB AN IHR.
HAST DU AN GOTT GEZWEIFELT, ALS DU DEN LEBLOSEN HIELTEST?
KONNTST DU DEN SINN SEINES STERBENS SCHMERZLOS BEGREIFEN?
WAR DIR SEINE AUFERSTEHUNG SO SICHER?
SAGE MIR BITTE: WANN FANDEST DU DEINEN FRIEDEN WIEDER,
DEN ICH SPÜRE, WENN ICH DIR BEGEGNE?
DER BALD ZWEITAUSEND JAHRE AUF DIR RUHT.
BITTE HILF, DASS ICH IHN FINDE!
***
Morgen soll deine Beisetzung sein, und dein Papa hat heute Geburtstag. Wie grausam doch das Leben sein kann. Wie soll sich Papa jemals wieder auf seinen Geburtstag freuen können, immer wissend, dass wir einen Tag später deinen Körper der kalten, dunklen Erde übergeben mussten. Wir trinken wortlos Kaffee. Oma und Bärbel haben etwas Kuchen mitgebracht. Der Brocken bleibt uns im Hals stecken. Niemand sagt etwas. Was auch? Jedes noch so gut gemeinte Wort wäre falsch!
Ich will mich bei klarem Verstand von dir verabschieden und keine Tabletten nehmen. Trotzdem sind nur Bruchstücke in meiner Erinnerung. Scheinbar hat mein Gehirn alles ausgeblendet.
Deine Freunde und Arbeitskollegen tragen dich in weißen Handschuhen zu Grabe. Alles ist so unwirklich, ich fasse das überhaupt nicht. Der Pfarrer sagt unter anderem, dass du nun auf Marko aufpasst. Xavier Naidoo singt: "Abschied." Katrin hat dieses wunderschöne Lied für dich ausgesucht, ein passenderes hätte es nicht geben können.
Ich danke Allen von Herzen, die dich auf deinem letzten Weg begleitet haben. Und ich danke aus tiefstem Herzen deinen Freunden für die Beileidskarte. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was sie mir bedeutet. Gott behüte euch und eure Familien auf allen euren Wegen!
Hier ein Auszug der Beileidskarte:
WELCH EIN GRAUSAMES SCHICKSAL HAT ES GEWOLLT,
DASS DANIEL UNS VERLASSEN MUSSTE?
WIR FASSEN ES NICHT, WAS GESCHEHEN IST.
DIE CHANCE EINER HOFFNUNG HATTEN WIR NICHT.
DER MOMENT DER UNGEWISSHEIT IST ZUR WAHRHEIT GEWORDEN.
LIEBE ELTERN,
SEIN HUMOR KAM AUS DER TIEFE SEINER POSITIVEN LEBENSEINSTELLUNG, DIE SELBST DAS STERBEN NOCH AKZEPTIERTE.
ER HATTE JAHRZEHNTE ZU WENIG!
DIE LÜCKE, DIE DANIEL HINTERLÄSST, WIRD NICHT ZU SCHLIEßEN SEIN. - EIN FREUND DER SICH NIEMALS IN DEN VORDERGRUND SCHOB.
WIR HATTEN IHN GERN, OHNE DARUM BUHLEN ZU MÜSSEN.
ER PRAKTIZIERTE TÄGLICH, WAS ANDEREN OFTMALS EHER EINE VOKABEL WAR.
ER WAR EIN FREUND!
UND WENN MAN EINEN FREUND VERLIERT, STIRBT MIT IHM EIN STÜCK VOM EIGENEN ICH.
WIR ALLE HABEN EIN STÜCK VON UNS SELBST VERLOREN!
WIR HALTEN ZUSAMMEN UND GEBEN FÜR DANIEL NICHT AUF!
HERZLICH IN GROSSEM SCHMERZ SEINE FREUNDE:
BERND, TONI, FABIAN, LUTZ, JUDITH, MARIO, PHILIPP, PATRICK, ANDREAS, THOMAS UND NADINE.
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Du hast auf dem Friedhof, wenn man das so sagen darf, die Pole Position, ein schöner Platz, ganz vorn! Papa hat alles so liebevoll hergerichtet.
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Ich kann nicht ahnen, dass der schlimmste Weg noch vor mir liegt.
Die folgenden Tage vergehen aber ich weiß nicht mehr wie. Ca. eine Woche nach der Beisetzung stehe ich an deinem Grab. Es kommt eine nette Frau zu mir und fragt mich, ob ich die Mutter bin.
Ich sehe die Frau ganz erstaunt an. Sie hat vor vielen Jahren ihren Sohn verloren. Nach meiner Frage, wie man mit einem solchen Schicksalsschlag weiterleben kann, antwortet sie: "Nur mit starkem Glauben und den vielen Zeichen." Wir unterhalten uns sehr lange.
Das ist der erste Engel, den mir nur unser Herrgott geschickt haben kann.
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Dein Papa kriecht auf allen Vieren durch die Wohnung und sucht nach einem Haar von dir. Es zerreißt mir fast das Herz. Wir legen die gefundenen Haare, wie einen Schatz, in eine Hülle, ganz sorgfältig und bewahren sie in deinem Zimmer auf. Nichts wird dort verändert. Alles bleibt. Selbst die Tüte mit deinen Sachen, die uns Pfarrer Wagenführ mit schwerem Herzen übergeben hat, steht noch dort. Obenauf liegen deine Schuhe, die du am Unfalltag getragen hast. Nur anschauen kann ich mir den Inhalt der Tasche nicht.
Dein Papa schließt sich eines Tages in deinem Zimmer ein. Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat? Er kommt total verweint heraus und sagt mir, dass er sich in aller Ruhe deine Sachen angeschaut hat: Dein an der Brust aufgeschnittes T- Shirt, deine abgeschürfte Hose, einfach alles, was uns als Letztes von dir übergeben wurde. Wir können nur erahnen, was sich während und nach dem Unfall abgespielt hat. Und wieder kommen so viele Fragen:
Wie hast du da gelegen?
Hattest du noch Schmerzen?
Hat man dich pietätvoll behandelt?
Was ging in den Menschen vor sich, die am Unfallort waren?
Hat man alles für dich getan, was möglich war?
Warum in der Welt, hat man uns so spät benachrichtigt?
War das zuviel verlangt, dass Mutter und Vater ihr geliebtes Kind noch einmal in den Arm nehmen wollen, auch, wenn es nicht mehr lebt?
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Sicherlich wären wir ein Störfaktor gewesen, hätten womöglich die Arbeit behindert. Das hätte zusätzliche Einsatzkräfte gebunden. Hier geht wahrscheinlich einfach Kostenmanagement vor Menschlichkeit!!!!!!
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Fortan lebe ich in zwei Welten. Für andere Menschen setze ich mir eine Maske auf. Nur zu Hause kann ich sein, wie ich wirklich bin, kann weinen, schreien, mit dir reden oder einfach nur da sitzen und nachdenken. Ein solches Leben kostet viel Kraft. Ich schleppe mich morgens und abends auf den Friedhof, um dir nahe zu sein. Meine Hausarbeit kriege ich nicht mehr geregelt, Blumen vertrocknen, der Garten verwildert, alles ist so nebensächlich.
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Wer kann mich verstehen? Viele "kluge" Ratschläge tun einfach nur weh. "Das Leben geht weiter, Zeit heilt Wunden, musst nicht so viel auf den Friedhof gehen, hast doch noch einen Jungen." Diesen Schrott kann und will ich nicht mehr hören! Es gibt keinen Trost, weil du nicht krank warst und einen Lebenswillen hattest, der für fünf Leben gereicht hätte. Ja unser Leben geht weiter, doch ist das überhaupt noch ein Leben? Ich bin anwesend, mehr nicht!
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Es tut mir weh, wenn ich Muttis mit ihren kleinen Kindern, glücklich an der Hand, sehe. Es tut mir auch weh, wenn ich junge Männer in deinem Alter sehe, die mit ihren Freundinnen im Eiscafe sitzen. Alles wurde dir verwehrt, warum nur?
Viele Menschen gehen mir aus dem Weg, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Dabei bin ich nur eine Mutter, die ihr geliebtes Kind verloren hat. So etwas kann auch andere Mütter treffen, jeden Tag!
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Ich bin nicht in der Lage, den Haushalt zu führen, Oma und Opa kümmern sich um alles. Marko und Katrin kaufen ein und kochen. Papa geht es noch schlechter als mir. Wenn das nicht anders wird, muss er ins Krankenhaus.
Wie soll ich in einem derartigen Zustand an Arbeit denken?
Wir leben nicht mehr, wir existieren nur noch.
Warum esse ich? Ich habe keinen Hunger und auch keinen Durst, komme mit zwei Stunden Schlaf aus. Ich will eigentlich nur bei dir sein.
Wir brauchen Hilfe!
Wie eine Ertrinkende klammere ich mich an jeden Strohhalm, nehme Kontakt zu Gleichbetroffenen im Internet auf, lese Bücher, die sich mit einem Leben nach dem Tod beschäftigen, lese die Bibel, lese über die Wunder der katholischen Kirche, suche eine Heilpraktikerin und eine Ärztin auf. Alles, was mir helfen könnte, um nicht zu zerbrechen ist mir recht. Dabei muss ich auch noch die Kraft für deinen Papa aufbringen. Er ist wie versteinert, hat jeglichen Lebensmut verloren.
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Die Fußballweltmeisterschaft: Deutschland ist im Freudentaumel. Ich kann nichts mit der Föhlichkeit der Menschen anfangen und sie nicht mit meiner Traurigkeit.
Zum Endspiel gehe ich mit deinem Papa auf den Friedhof. Wir sind so wunderbar allein und können unsere Tränen ohne Hemmung fließen lassen. Nur die fröhlichen Amseln sehen uns dabei zu. Es ist ein schöner Abend mit einem Sonnenuntergang wie im Bilderbuch.
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Tante Conny und Onkel Gerti wollen uns mit in den Urlaub nehmen. Wissen die Beiden überhaupt, was sie sich damit antun? Wollen sie ihre kostbarsten Wochen mit uns schwer Verletzten, wie wandelnde Schatten umherlaufende Etwas verbringen? Ja, sie wollen es! Sie wissen, was sie erwartet, wollen unsere Tränen ertragen, wollen uns mit in die Berge nehmen, wo wir dir ein Sückchen näher sein können, dorthin, wo wir als eine Familie mit euch Kindern die schönsten Jahre unseres Lebens verbracht haben.
Oma, Opa und Tante Karin kümmern sich derweil liebevoll um dein Grab, deine Unfallstelle und um unsere Haustiere.
Dein Onkel Gerti, mein Bruder, lässt ohne mein Wissen, ein Foto von dir mit ein paar lieben Worten einlaminieren. Das will er zum großen Kolm (Hausberg) bringen. Ich bin gerührt, was habe ich für einen guten Bruder! Jeden Tag gehe ich zu einer kleinen Kapelle, um zu beten, um zu danken. Dank zu sagen, für die Menschen, die uns tragen, die uns helfen, nicht zu verzweifeln. Ich bete auch, dass dich unser Herrgott in sein Reich aufnimmt und dir, wie versprochen, Heimat geben möchte.
Es ist schön in den majestätischen Bergen. Ich fühle mich dir, mein lieber Junge, ein Stückchen näher. Bei jedem Schmetterling denke ich, dass du ihn vielleicht geschickt hast. Abends schaue ich zum Sternenhimmel. Wo bist du, mein Kind? Ich suche nach einer Sternschnuppe, um mir was zu wünschen, was niemals in Erfüllung gehen kann.
BOTSCHAFT DER BERGE
DIE BERGE SCHWEIGEN ÜBER EINER LAUTEN WELT,
DIE BERGE RUHEN ÜBER EINER HASTENDEN WELT,
DIE BERGE FORDERN ÜBER EINER VERWEICHLICHTEN WELT,
DIE BERGE WÄRMEN ÜBER EINER ERKALTETEN WELT,
DIE BERGE STRAHLEN ÜBER EINER DUNKLEN WELT.
(von Altbischof Reinhold Stecher)
Auf der Heimfahrt krampft sich mein Herz zusammen. Noch nie bin ich in ein leeres Haus zurückgekommen. Es ist kalt und abstoßend, ohne Leben. Niemand wartet auf uns. Heimkommen ist noch viel schlimmer als wegfahren. Der erste Weg führt uns zu deinem Grab. Ich bin glücklich, wieder bei dir zu sein. Hier kann ich für dich, für deinen Garten, wie ich dein Grab fortan nenne, sorgen.
Ich beginne, ein Tagebuch zu führen. Das hilft mir, meinen Kummer von der Seele zu schreiben. Ich bin viel im Internet. Niemals hätte ich geglaubt, dass es so viele leidgeprüfte Eltern gibt. Uns verbindet alle das gleiche Schicksal. Unsere Kinder mussten vor uns gehen, viel zu früh und wir wissen nicht, wie wir in das Leben zurückfinden sollen, ohne Zukunft, ohne unsere geliebten Kinder. Hat man überhaupt noch ein Recht auf ein Leben?
Christoph`s Mama hat sich als Erste bei uns gemeldet, weil ihr euch so unwahrscheinlich ähnlich seid, auch der Unfallhergang ist vergleichbar. Ich fühle mich verstanden, brauche mich nicht zu verstellen und erhalte Trost aus "1. Hand". Sie schickt mir tröstliche Briefe, Gebete und Gedichte, lässt einen Balon mit deinem Namen zum Himmel aufsteigen.
Ich habe das Gefühl, wir verwaisten Eltern sind eine große Familie.
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Auch ich möchte dir eine Gedenkseite im Internet erstellen. Alle sollen wissen, was für ein wnderbarer Mensch du warst. Doch dazu muss ich Fotos raussuchen und das kann ich nicht. Irgendwann, nur jetzt noch nicht.
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Wir fahren mit dem Bus nach Lourdes. Wunder erwarte ich nicht. Ich möchte danken für die Menschen, die uns zur Seite stehen und die uns nehmen, wie wir jetzt sind. Lourdes tut uns so gut! Was für eine wahnsinnige Kraft geht von diesem Ort aus! Wir können unseren Tränen freien Lauf lassen. Niemand starrt uns an. Alle Menschen fühlen sich miteinander verbunden: Alle Nationen, Kranke, Gesunde, Behinderte, schwer Leidgeprüfte, freiwillige Helfer, Ärzte und Schwestern. Ich kann es gar nicht fassen, dass so viele freiwillige Helfer extra ihren Jahresurlaub opfern.
Dein Papa kümmert sich während der ganzen Woche rührig um eine alte, alleinstehende Dame. Einiger Pilger denken sogar, dass sie seine Mutter ist. Ich bin sehr stolz auf deinen Papa. Was hat er für ein gutes Herz!
Es gibt sie also doch noch, die Oase inmitten einer verrohten Welt.
Inzwischen wird zu Hause unser kleiner Tim geboren, das Patenkind von deinem Bruder Marko. Er bekommt den Taufnamen "Daniel". Tim hat so viel von dir: er ist ein Schelm, ein Charmeur, ein Haudegen, dem man nie böse sein kann, ein Sonnenschein und einer, der alles was Räder hat abgöttisch liebt.
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Bernd verunglückt sehr schwer mit einem Quad. Marko besucht Bernd im Krankenhaus und weint ganz bitterlich als er nach Hause kommt, so schwer sind die Verletzungen. Warum Bernd - dein bester Freund? Ich bete jeden Abend für ihn. Er schafft es! Er hat einen Schutzengel.
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Deine Johanna ruft fast jeden Tag an. Sie besucht uns oft und schläft in deinem Bett. Wir hören gemeinsam deine Musik. Johanna erzählt viel von dir. Ich bin dankbar, denn sie gibt uns ein Stück von dir zurück. Mit ihrem Papa gehen wir zum Reiten und überhaupt treffen wir uns sehr oft. Eine wunderbare Freundschaft hat sich entwickelt. Die Pferdewallfahrt bleibt unvergesslich. Dabei kommt dann immer die Frage: "Warum konnte das nicht mit dir sein?" Es wäre zu schön gewesen.
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Marko lässt sich sein Tattoo mit den häbräischen Schriftzeichen deines Namens erweitern. Es macht mich stolz und glücklich, zeigt es doch, wie sehr er dir verbunden bleiben möchte. Was er leistet ist fast übermenschlich. Bereits eine Woche nach der Beerdigung nimmt er sein Studium wieder auf. Was bleibt ihm anderes übrig?
Die Tage werden kürzer und Abende und Nächte werden länger. Ich suche nach einer Form der Normalität, die nicht mehr da ist. Vor mir liegen Scherben, sinnlos gewordene Bruchstücke eines Lebens. Wofür morgens aufwachen? Ich habe dir versprochen, mein Schicksal anzunehemn, ohne den Sinn zu verstehen. Leben mit Abwesenheit von Sinn - wie soll das gehen? Durch dich konnte ich noch einmal jung sein, die Jugend besser verstehen. Ich habe dich durch alle Höhen und Tiefen begleitet, dir immer Mut gemacht, dass man im Leben alles, aber auch wirklich alles schaffen kann. Bis zu deinem Unfall haben wir alles gemeistert. Ich habe dich gelehrt positiv zu denken, habe dir Selbstwertgefühl gegeben, an dich zu glauben.
Wie stehe ich nun da? Als Lügnerin! Ich bin am Ende mit meiner Weisheit. Es gibt Dinge, die man nicht in der Hand hat, die einfach passieren. Das hätte ich dich lehren müssen!
***
Dann denke ich an den Mann, der den PKW gefahren hat. Was ist das für ein Mensch? Hat er überhaupt ein Herz im Leib? Ich glaube nicht, sonst hätte er sich nach dem Unfall anders verhalten.
Vergeblich warte ich auf ein Zeichen der aufrichtigen Anteilnahme, auf ein paar Worte, ein Blümchen oder ein Licht. Nichts hat er für dich übrig! Wie kann er einfach weiterleben, als wäre nichts passiert, wo doch bei uns kein Stein mehr auf dem anderen geblieben ist?
Hat er die Wucht des Aufpralls vergessen, deinen leblos liegenden Körper, dein blasses Gesicht, den Hubschrauber und die vielen Menschen?
Er hat doch auch Kinder. Kann er sich nur ansatzweise vorstellen, was es bedeutet, sein Kind, sein Ein und Alles zu verlieren?
***
Meine Gedanken bringen mich nicht weiter! Ich will mein letztes bisschen Kraft lieber für Papa und Marko aufheben, will lieber an dich denken, mein guter Junge. Ich lasse unser gemeinsames Leben Revue passieren und schreibe alles auf, an was ich mich erinnern kann. Nichts soll verloren gehen. Das Ergebnis davon ist, dass ich viel von dir, mein lieber Junge, träume.
Ich bin dankbar für diese Träume. Es ist wie ein Treffen mit dir. Im Traum drücke und küsse ich dich ganz innig, möchte dann am liebsten nie wieder aufwachen.
TRAUMLAND
JEDER MUTTER, DIE EIN KIND VERLOREN HAT, WIRD VOM HIMMEL EIN GESCHENK GEGEBEN; SIE WEIß NICHTS DAVON, DOCH SIE FÜHRT FORTAN EIN DOPPELLEBEN.
TREU BEGLEITET SIE DER BRUDER TOD, ER NIMMT SIE JEDE NACHT AN DIE HAND, UND FÜHRT SIE FORT- WOHIN?- DAS LAND IST NUR DEM TRÄUMER BEKANNT.
HIER NUN SORGT SIE FÜR IHR KIND, UND KEHRT SIE ZURÜCK, IST DER TAG NOCH JUNG, WAS IHR FEHLT, SIE NICHT HAT- SIND ZEICHEN UND GABEN DER ERINNERUNG.
DRUM SAG`ICH DEN TRAUERNDEN MÜTTERN; DIE OHNE SCHLAF UND TROST GEBLIEBEN SIND, SCHON MORGENS MÜDE UND ERSCHÖPFT:
"HALTET DURCH, IHR WARD BEI EUREM KIND!" (Marina Szczecinski)
Allerheiligen und Allerseelen stehen vor der Tür. Früher sind wir zu den Gräbern von Oma und Opa und zu den Gräbern deiner Urgroßeltern gegangen. Sie alle haben dich so sehr geliebt. Nun stehen wir vor deinem Grab. Mein Verstand und mein Herz wollen es nicht begreifen. Wie soll unser weiteres Leben aussehen ohne dich? Kann man leben, ohne Sinn, ohne Freude? Ich verdränge die finsteren Gedanken und widme mich voll und ganz dem Schmuck deines Grabes, deines kleinen Gartens. Die Liebe zu dir erkennt man in den liebevollen Details. Jeder Stein, jede Figur hat seine Bedeutung.
***
Wenn ich an den Heiligen Abend denke, dann nimmt es mir die Luft zum atmen. Was sollen wir nur machen? Ich möchte mich in ein Loch verkriechen und nie wieder raus kommen. Dann überlege ich, was du dir wünschen würdest: Du würdest dir wünschen, dass alles so wie früher ist. Aber wie soll das gehen? Ich backe mit deiner Johanna Plätzchen. Der Teig ist mit Tränen getränkt. Ich schmücke unser Haus und den Christbaum, wie immer. Du hast das alles so sehr geliebt. Selbst das kleine Glöcklein wird zur Bescherung geläutet. Dann liegen wir drei uns in den Armen und weinen und weinen. So grausam kann das Leben sein!
Ich gehe mit deinem Papa zur Christmette und spüre die mitleidigen Blicke der Anderen. Ich bin ganz tapfer, doch als der Männerchor zu singen beginnt, bricht alles aus mir hervor, all die Traurigkeit, der Kummer, die Sinnlosigkeit, die Ungerechtigkeit, einfach Alles!!!
Unsere geliebte Familie lässt uns nicht allein, will helfen, wo es eigentlich nichts zu helfen gibt, will trösten, wo es keinen Trost gibt, ist einfach nur für uns da. Ich bin unendlich dankbar dafür. Allein schafft man es nicht. Ich wäre ohne diese Hilfe längst an einem gebrochenem Herzen gestorben. Und trotzdem ist es erst der Anfang eines langen und steinigen Weges. Ich denke dabei an das Lied von Xavier Naidoo: "Dieser Weg wird kein leichter sein".
"Durch den Tod eines Kindes verliert man nicht nur ein Stück von sich selbst, die Zukunft ist verloren. Die Illusion von Geborgenheit und Sicherheit ist weggebrochen. Es gibt auch keinen Maßstab für die Trauer und schon gar nicht, wenn ein Kind unter tragischen Umständen sein Leben verloren hat. Schrecken und Traurigkeit verschwinden nie." So habe ich bei B. Jacobi gelesen. Es gibt so viele Literatur zu diesem Thema und trotzdem ist in unserer Gesellschaft der Tod ein Tabuthema, erst recht der Tod eines Kindes.
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Wenn ich am Wochenende Feierabend habe, wünschen sich die Kollegen alle ein schönes Wochenende. Ja, ihre Familien sind auch komplett. Was soll ich für ein schönes Wochenende haben? Ich sitze mit Papa am Frühstückstisch, dort steht auch dein Teller, wie immer und ich versuche, die Tränen zu unterdrücken. Wir schweigen uns an und trotzdem weiß jeder, was der Andere denkt und fühlt. Abby wagt nicht den Blick zu heben. Was mag in ihr nur vor sich gehen?
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Viele Menschen haben sich von uns zurückgezogen, können mit unserer Traurigkeit nichts anfangen, haben Berührungsängste, wechseln die Straßenseite oder schauen einfach weg, wenn sie uns sehen. Ich nehme nichts übel. Ich habe Verständnis, obwohl es sehr weh tut. Vielleicht waren wir früher auch nicht anders?
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